Geist einer Generation

Der Begriff „Ghosting“ ist mittlerweile ein sehr weit verbreiteter Begriff, auch bei uns. Und nicht nur der Begriff als solches ist weit verbreitet, nein. Auch das Verhaltensmuster, welches sich dahinter verbirgt.

Wer von euch kennt es nicht? Du lernst jemanden kennen, alles ist frisch, neu und aufregend und es gibt nichts, was das gute Gefühl trüben könnte. „Die Dinge einfach mal auf sich zu kommen lassen und genießen, solange sie sich gut anfühlen.“ That’s the Spirit. Das ist es doch, was wir alle tief im Innern irgendwie wollen. Das läuft dann auch sehr gut. Eine Weile zumindest. In dieser Weile hast du die höchsten Hochs. Glücksgefühle. Ein Gefühl von Wärme. Geborgenheit. Schmetterlinge im Bauch. Endlich ist da mal wieder jemand, der dir zuhört. Der dich versteht. Der sich bemüht. Der dir das Gefühl gibt, wichtig zu sein. In dem er dir seine volle Aufmerksamkeit schenkt. Du verbringst Zeit mit dieser Person, so viel es geht. Auf dem Handy werden Nachrichten nur so hin und her geschossen, eine süßer als die andere. Wochenlang. Manchmal Monate. Man trifft sich, alles ist perfekt und danach fängt es langsam an. Plötzlich sind sie super beschäftigt. Er schafft es gerade noch so sich zwei Mal am Tag bei dir zu melden & du merkst, wie sich ein ungutes Gefühl in dir breit macht. Du sprichst es an, mehrfach. „Es ist alles okay, mach dir keine Sorgen!“ – Dann ist der Tag da. Der Tag, an dem du auf dein Handy schaust und die letzte Nachricht von ihm 2 Tage her ist. Der Tag, an dem du realisierst, dass deine letzten 5 Nachrichten komplett ignoriert blieben. Der Tag, an dem du siehst, dass er weiterhin normal bei Instagram postet, oder sein Spiel wie gehabt weiterhin spielt, oder regelmäßige Updates in seinen WhatsApp Status packt. Der Tag, an dem du weißt, dass du geghosted wurdest. Alle deine Kontaktierungsversuche laufen ins Leere, nicht selten wirst du einfach auch wortlos blockiert. Alles, was du vorher mit diesem Menschen geteilt hast ist plötzlich mit dem Menschen aus deinem Leben verschwunden und zurück bleibt ein riesiger Trümmerhaufen. In deinem Kopf hörst du das lange Piepen. Flatline. Tod.

„Tod, sagt sie. Übertreiben konnte die Anschi schon immer.“ – Das stimmt. Aber wann verschwinden denn Menschen, die uns nahestehen, normalerweise wortlos aus unserem Leben? Richtig. Wenn sie aus ihrem eigenen Leben gerissen werden. Ghosting löst bei dem „Hinterbliebenen“ ein sehr sehr ähnliches Gefühl der Trauer und des Verlustes aus. Ganz zu schweigen von den vielen, unbeantworteten Fragen, die man noch hat. Und damit kommen wir zu dem eigentlichen Grund, weswegen ich das hier schreibe. Ich weiß, dass es die wenigsten erreichen wird, aber was sein muss, muss sein.


Hallo, all ihr Geister unserer Generation. Ich habe euch etwas zu sagen:
Ihr seid Gott verdammte Hurensöhne. Untermenschen. Die Begrifflichkeit „Ghosting“ ist auf so viele Ebenen so passend, denn genau wie einem Geist fehlt euch eure verfickte Menschlichkeit. Eure Empathie. Verstand und Anstand tief unter der Erde begraben. Ihr behandelt eure Mitmenschen, vor allem Menschen, von den ihr selbst mal behauptet habt, sie bedeuten euch irgendwas, ohne einen Funken von Respekt. Wie das allerletzte Stück Scheiße. Und mit genau diesem Gefühl lasst ihr diese Leute zurück, wenn ihr plötzlich für euch entscheidet „Oh.. Nein. Irgendwie.. keine Ahnung. Will ich das nicht mehr. Deswegen melde ich mich einfach nie wieder. Sie/Er wird schon schnallen, was Sache ist und damit klar kommen. Hauptsache ich muss mich nicht erklären.“ – Zack, Nummer gelöscht. Mensch gelöscht. Und wieder ein Stück Menschlichkeit gelöscht. In euch, aber auch in der Person, den ihr so etwas antut. Klingt alles so überdramatisiert? Ist es nicht. Im Gegenteil. Ich könnte gar nicht genügend Kraftausdrücke finden, um dem ganzen so viel Aussagekraft zu geben, wie es brauchen würde. In dem Moment, wo ihr euch für eure Universallösung für alles entscheidet, haltet ihr eine Seele in der Hand. Die Seele eines anderen Menschen. Und mit jedem Tag, der wortlos und ohne Erklärung eurerseits vergeht, verschließt ihr eure Hand um diese, ohnehin sehr zerbrechliche Seele ein bisschen fester. Bis ihr sie zerquetscht. Ich mein, ja. Natürlich erholt sich eine Seele wieder. Die eine braucht länger, die andere nicht so lange. Aber was haben alle Verletzungen gemeinsam? Narben. Und jedesmal, wenn einem so etwas passiert, vernarbt eine Seele ein Stück mehr. Denn deutlicher kann man jemandem eigentlich nicht machen, dass man wertlos ist. Und genau mit dieser Überzeugung geht man auch aus so einer Sache raus. „Ich bin wertlos..“  Und die hält. Verdammt lange. – Was passiert also, wenn die Seele immer und immer weiter vernarbt? Richtig. Wir verlieren das Vertrauen. Wir verlieren das Vertrauen in euch, die Welt und, vor allem aber (und das ist am Schlimmsten) verlieren wir das Vertrauen in uns selber. IN. UNS. SELBER. Und das führt zwangsläufig dazu, dass man sich jedes Mal etwas schwerer tut, sich auf jemand Neues einzulassen. Also selbst WENN mal jemand um die Ecke kommt, der sagt „Ich geh nicht weg.“, bleibt uns keine Möglichkeit mehr, das auch zu glauben. Denn „das sagen sie nunmal alle.“. Ihr gebt uns schließlich immer erstmal das Gefühl, als wären wir eure Zeit wert. Und vielleicht können wir uns doch noch irgendwann dazu durchringen, zu denken „Okay, er/sie ist wirklich anders.“. Bis ihr dann eben doch wieder weg seid. – Ich habe schon viele Antworten gehört, auf die Frage hin, wieso jemand eine andere Person geghostet hat. Das fängt irgendwo bei einem einfachen „Ich hatte einfach kein Bock mehr und wollte keine Diskussion entfachen.“ an und endet irgendwo bei „Ich wollte der Person nicht weh tun.“.
Ich erzähl euch jetzt mal kein Geheimnis: Ihr könnt einer Person NICHTS Schlimmeres antun, als sie hilflos und ohne Antworten zurück zu lassen. Denn es ist genau so, wie ich bereits sagte: Als wärt ihr für diese Person gestorben. Und ich bin mir fast sicher, dass jeder, der das hier liest, schon einmal jemanden in seinem Leben durch den wahrhaftigen Tod verloren hat, der ihm etwas bedeutet hat und blieb mit einem Haufen Fragen, Trauer, Schmerz und Verzweiflung zurück. Der Unterschied hier ist aber, dass Verstorbene euch keine Antworten mehr geben KÖNNEN. Sie können einfach nicht. Ihr könnt. Ihr könnt es jemandem einfacher manchen, euch hinter ihnen zu lassen. Geht nicht einfach. Egal wie schwierig es ist. Redet darüber! Wenn ihr jemandem einen Korb geben wollt, dann gibt ihn! Auf humane Art und Weise. Mit Erklärung. Ihr habt das Gefühl, ihr habt euch auseinander gelebt? Sagt es. Ihr seid mit einer Situation überfordert und wisst nicht wie ihr anders damit umgehen sollt? Sprecht es an. Aber geht doch nicht in dieses verdammte Vermeidungsverhalten und verpisst euch nicht wie feige Wichser, wenns ein wenig schwierig werden KÖNNTE. Gebt uns die Chance, zu verstehen! Grabt eure Menschlichkeit wieder aus. Eure Empathie. Euren Verstand und Anstand. Niemand ist mehr dafür verantwortlich, wie ihr euch verhaltet und miteinander umgeht, als ihr selbst. Und es ist heute wichtiger denn je! In einer Zeit, in der wir an jeder Ecke, zu jeder Zeit „etwas besseres“ finden, was doch wieder nicht gut genug ist. In einer Zeit, in der Instagram-Follower mehr wert sind, als Herz und Verstand. Findet wieder zu euren Wurzeln der Ehrlichkeit und zu euren Herzen zurück. Ansonsten sind wir bald alle nur noch seelenlose Geister, auf der Suche nach Hoffnung, wo längst keine mehr zu sein scheint.


Warum mir dieses Thema so wichtig ist? Nun, ich wurde auch schon einige Male geghosted. Ich glaube auch kaum, dass es, zumindest in der Altersklasse von 18 – 30 Jahren, niemanden gibt, dem das nicht schon auf irgendeine Art und Weise passiert ist. Ob es sich um eine „Bekanntschaft“ dreht, die sich nach 3 Tagen hin und her schreiben nicht mehr meldet oder der langjährige Partner einfach verschwindet. Zwischen diesen zwei Extremen ist alles dabei. So wurde ich zum Beispiel zuletzt vor einer Woche geghosted. Grundlos. Nach drei Monaten. Aber immer, wenn ich über dieses Thema nachdenke, denke ich garnicht an all diese „Bekanntschaften“, sondern an etwas, was schon 2 Jahre her ist. Vor zwei Jahren wurde ich von einem meiner besten Freunde geghosted. Nach 7 Jahren Freundschaft. Und das ist etwas, was langfristig etwas in mir zerstört hat. Es hat mir das Vertrauen an und in jeden genommen. Denn wie willst du irgendjemandem vertrauen können, wenn du es nicht einmal einem deiner besten Freunde kannst? – Ganz genau. Ich weiß es auch nicht. Und genau durch solche, sich wiederholenden Erfahrungen, ist vielen irgendwann einfach nicht mehr möglich, jemanden Neues kennenzulernen und diese Unbeschwertheit dabei zu empfinden, wie ich sie am Anfang beschrieben habe. Dann gibt es kein „Alles ist frisch, neu und aufregend“ mehr. Dann gibt es nur noch ein zitterndes Häufchen Elend, dass in einem sitzt und einfach nur den Moment abwarten, in dem es wieder zurück gelassen wird. Mit einem Tritt. Ins Gesicht.


 

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